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Was braucht ein Hund zum Glücklichsein?

Beate Soltész

Kaum ein/e HundehalterIn wird abstreiten, das Glück für ihren/seinen Hund zu wollen. Doch Glück ist ein zartes, sehr individuelles Pflänzchen. Und der Boden, auf dem es gedeihen kann, muss gut aufbereitet sein. Dabei ist Glück selbstverständlich keine wissenschaftliche Kategorie. Aber wir können die Bedingungen für Glück objektivieren – denn Glück kann nur entstehen, wenn körperliche und geistige Bedürfnisse gestillt sind.

Anhand der Maslow’schen Bedürfnispyramide[1] lassen sich nicht nur menschliche, sondern auch die Bedürfnisse von Hunden beschreiben. Was bedeuten die einzelnen Stufen der Pyramide für unsere Hunde?

1200px Einfache Beduerfnishierarchie nach Maslow.svg

Physiologische Bedürfnisse

Hierzu gehören sämtliche Grundbedürfnisse, die zum Erhalt des Lebens wichtig sind: Atmung, Ernährung, Wasser, Schlaf.

Dass diese Grundbedürfnisse unserer Hunde gestillt werden, kommt uns selbstverständlich vor. Aber sehen wir einen nach Luft röchelnden Mops, stellt sich gleich die Frage, ob dessen Grundbedürfnis nach Atmung wirklich befriedigt ist. Auch so mancher Maulkorb, eng um das Hundemaul befestigt, verhindert die störungsfreie Atmung des Hundes. Es wird niemand in Frage stellen, dass Ernährung und genügend Wasser absolute Grundbedürfnisse sind. Und dennoch hört man immer wieder die Empfehlung, dass ein Hund sich sein Futter verdienen muss! Oder ehrlich: Wer hat noch nicht die sogenannte „Impulskontrolle“ damit geübt, dass der Hund vor dem vollen Napf auf die Freigabe – manchmal sehr sehr lang – warten muss. Im Grunde entspricht dies einem unfairen Entzug des Grundbedürfnisses nach Nahrung! Ein Beispiel für den extremen Entzug des Grundbedürfnisses Wasser ist eine Trainerin, die immer wieder sog. „Problemhunde“ aufnimmt, um sie zu „sozialisieren“: Wasser gibt es erst, wenn der – wahrscheinlich hochtraumatisierte Hund – sich ihr zuwendet. Weniger dramatisch in der Ausführung, jedoch in der Wirkung, kann die ausschließliche Ernährung durch Trockenfutter sein: hier erhält der Hund oftmals viel zu wenig Flüssigkeit, was langfristig zu gesundheitlichen Schäden führen kann.

Unsere Hunde benötigen viel viel Schlaf und Ruhe. Um Erfahrungen und Erlebnisse zu verarbeiten, um den Körper zu regenerieren. Erwachsene Hunde an die 15 bis 18 Stunden. Welpen, ältere Hunde oder besonders gestresste Hunde auch noch mehr. Darauf angesprochen, werden die meisten Menschen von ihren Hunden zwar behaupten, dass diese genügend Ruhe/Schlaf finden, doch viele Verhaltensauffälligkeiten haben ihre Ursache darin, dass Hunde nicht zur Ruhe kommen können. Sei es, weil sie es verlernt haben oder weil der Tagesablauf in der Familie sehr hektisch ist oder der Hund von einem Hunde-Event zum andern gekarrt wird. Oder auch, weil der Hund überall mit hin muss…

Sicherheitsbedürfnisse

Hierzu zählen Sicherheit und Stabilität, Schmerzfreiheit und körperliche Unversehrtheit. Auf unsere Hunde gemünzt bedeutet dies in der Praxis vor allem: ein sicherer ungestörter Ruheplatz, verlässliche Bezugspersonen, Erziehung ohne (körperliche) Strafe. Stichwort: Erwartungssicherheit. Im herkömmlichen Hundetraining wird häufig „falsches“ Verhalten provoziert (z.B. eine Person anspringen) und der Hund dann dafür bestraft (z.B. mit einem Tritt in die Brust), wobei „falsches“ oft natürliches hundliches Verhalten ist (miteinander vertraute Hunde begrüßen sich mit Schnauzenkontakt). Zeigt der Hund das von ihm erwartete Alternativverhalten, wird er belohnt (und manchmal nicht einmal das, weil das als Selbstverständlichkeit erachtet wird). Dieses Konzept ist für Hunde nicht durchschaubar und erhöht nur deren Unsicherheit – vor allem seinen Menschen gegenüber. Zwar wird er eventuell häufiger das Verhalten zeigen, das belohnt bzw. nicht bestraft wird, aber er wird stets auf der Hut vor ihm unverständlichen aggressiven Handlungen seines Menschen bleiben! Oder er verzichtet auf jegliche Äußerungen, weil er ja bestraft werden könnte. Das nennt man „erlernte Hilflosigkeit“. Außerdem ist Strafe meistens ein unverzeihlicher Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Hundes!

Physiologische und Sicherheitsbedürfnisse gehören untrennbar zusammen und bedingen einander. Vor allem bei Neuankömmlingen, sei es ein Welpe oder ein Adoptant aus dem Tierschutz, solltet ihr darauf achten, dass diese Bedürfnisse zum Großteil gestillt sind. Erst dann sollte es weitergehen…

Soziale Bedürfnisse

Hunde sind wie wir Menschen soziale Lebewesen, wir brauchen den Kontakt, die Interaktion mit anderen. Für Hunde bedeutet dies in erster Linie Familienanschluss und positive Interaktionen mit seinen Menschen! Das willkürliche Aufeinandertreffen mit meist fremden Artgenossen in der Hundezone ist nicht Jederhunds Sache – hier sollte man genau auf die Rasse, deren Zuchtziele und vor allem auf die Persönlichkeit des Hundes achten! Da ist ein Spaziergang mit dem Hundekumpel durch Wald und Feld schon was ganz anderes!

Es ist ein Mythos, dass Hunde unbedingt (viele) andere Hunde als Sozialkontakt benötigen! In Versuchen hat man z.B. festgestellt, dass ein Welpe, hat er die Wahl zwischen einem ihm fremden Hund oder einem ihm fremden Menschen, lieber Kontakt zum Menschen sucht. Im Zuge ihrer gemeinsamen Evolution ist der Mensch eben der wichtigste Sozialpartner des Hundes geworden. Abgesehen davon: Jeden Tag Spiel und Keilerei in der Hundezone kann ganz schön an die Substanz gehen – es ist Stress, von dem sich der Hund erholen muss. Ist das nicht gewährleistet, untergräbt dies die Basis unserer Pyramide (Ruhe, Sicherheit) und verhindert den nächsten Schritt…

Individuelle Bedürfnisse

Hier geht es einerseits darum, dem Hund Wertschätzung, Anerkennung, Respekt und Lob zu zollen (aktiv), andererseits um hundlichen Status, Rang, Stolz und Selbstachtung (passiv). Erst auf dieser Stufe sind Hunde wirklich empfänglich für (aktives) Lob und wachsen über sich hinaus (passiv). Das soll allerdings nicht heißen, dass man davor mit Lob geizen soll!

Wenn dein Hund mit lachenden Augen zu dir kommt, wenn du ihn rufst… wenn er dich angrinst und meint: das hab ich aber gut gemacht… wenn er scharrend um sich blickt und du weißt genau, er denkt: Was bin ich für ein toller Kerl! …dann hat dein Hund diese Stufe erreicht.

Gemeinsame Abenteuer, Aufgaben, Erfolgserlebnisse stärken nicht nur eure Bindung, sondern auch das Selbstbewusstsein, die Selbstachtung deines Hundes! Alles, was dein Hund gerne macht und ihm bzw. euch Erfolgserlebnisse beschert, passt hier herein – schnüffeln und gemeinsam Spuren verfolgen, laufen und hetzen, wachen/aufpassen, zergeln, Tricks einüben und vorführen und vieles mehr! Die Hobbys deines Hundes sollten jedoch gesellschaftlich akzeptiert sein und anderen Lebewesen keinen Schaden zufügen (z.B. Jagen). Achtung! Der Hormoncocktail, der bei einigen hundlichen Hobbys ausgeschüttet wird, kann süchtig machen – und Sucht lässt die Pyramide in sich zusammenfallen. Stichwort: Ball-Junkie. Also immer mit Maß und Ziel, achtet auf Abwechslung und lasst die eher aufregenden Spiele und Übungen langsam ausklingen!

Hier können auch schon Funken des Glücks sprühen, und hier nähern wir uns der Spitze der Pyramide…

Selbstverwirklichung

Das klingt zu Beginn vielleicht etwas ungewöhnlich. Und tatsächlich: Die meisten Hunde (in unseren Kreisen) leben ein fürwahr fremdbestimmtes Leben – in fast allen Belangen müssen sie sich nach ihren Menschen richten: Wann sie Futter bekommen und welches, wann sie raus dürfen und wie lange, wie und ob ihre Grund- und sonstigen Bedürfnisse gestillt werden. So ist das nun einmal, schließlich müssen wir ja auch das Futter für die Hunde verdienen, auch wenn sie dafür kein Verständnis haben. 😉

Für ein selbstbestimmteres Leben deines Hundes, für seine Selbstwirksamkeit ist es wichtig, auch selbst Entscheidungen zu treffen. Auch mal den Weg bestimmen. Nein sagen zu dürfen. Und zwischendurch ungestört seine Hundesachen zu machen: Schnüffeln, sich wälzen, buddeln oder am Stöckchen kauen – erkläre Orte/Zeiten zur Nein-freien Zone, lass deine Ängste und Sorgen zu Hause und den Hund einfach mal Hund sein.

Das ist leise, das wirkt einfach. Aber das ist Hundeglück pur!


[1] Abraham Maslow (1908–1970) fand heraus, dass einige Motive bzw. Bedürfnisse einen höheren Stellenwert haben als andere und unterteilte sie in fünf Kategorien, angefangen mit physiologischen Bedürfnissen bis hin zur Selbstverwirklichung. Des weiteren unterteilt er die Bereiche in Defizitbedürfnisse (Mangelbedürfnisse), das sind die unteren 4 Schichten, und zuoberst die Wachstumsbedürfnisse (unstillbare Bedürfnisse). Maslow begründet dies damit, dass durch die Nichtbefriedigung von Defizitbedürfnissen physische oder psychische Störungen hervorgerufen werden können. Wachstumsbedürfnisse jedoch können fast nie wirklich befriedigt werden. https://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bed%C3%BCrfnishierarchie

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Beate Soltész
ist seit 15 Jahren mit Leib und Seele Hundetrainerin und Hundepsychologin unter diesem Label: Traumhund. (Wobei sie mittlerweile findet, dass unsere Hunde sowieso Traumhunde sind und wir uns eher bemühen sollten, für sie die Traummenschen zu sein!)

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